Privates Kultur- und Geschichtsprojekt. Keine Verbindung zum Eigentümer von Schloss Ramholz.
Schmiedeeisernes Jugendstiltor am Schloss Ramholz mit Ranken- und Blütenwerk

Gebrüder Stumm 1806 bis 1974

Der Konzern

Ramholz wurde aus einem Stahlvermögen gebaut. Als dieses Vermögen 1974 in einem der größten Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik unterging, verlor das Haus seine Grundlage.

Hugo von Stumm hat Ramholz nicht aus eigener Unternehmertätigkeit bezahlt. Er war stiller Gesellschafter der Gebrüder Stumm, des Familienunternehmens, das sein älterer Bruder Carl Ferdinand zu einem der größten integrierten Eisen- und Stahlkonzerne des Kaiserreichs ausgebaut hatte. Aus den Erträgen dieses Konzerns lebten Schloss, Park und Gut über drei Generationen.

Diese Seite erzählt die Geschichte des Konzerns so weit, wie sie für Ramholz von Bedeutung ist: vom Eisenhammer im Hunsrück bis zum Wirtschaftsstrafprozess vor dem Landgericht Essen.

Chronik

Zweieinhalb Jahrhunderte

  1. 1715

    Der Eisenhammer

    Johann Nikolaus Stumm erhält das landesherrliche Privileg für einen Waffen- und Eisenhammer im Hunsrück. Ende des 18. Jahrhunderts umfasst der Familienbetrieb fünf Hüttenwerke und sechs Eisenhämmer.

  2. 1806

    Gebrüder Stumm

    Am 22. März kaufen die Brüder Friedrich Philipp, Christian Philipp und Johann Ferdinand Stumm in Saarbrücken drei Eisenhütten aus ehemaligem nassau-saarbrückischem Staatsbesitz: die Neunkircher Hütte, die Fischbacher Schmelze und das Halberger Werk.

  3. 1831

    Das erste Puddelwerk

    Die Stumms errichten das erste Puddelwerk im Saargebiet. Karl Friedrich Stumm ersetzt Holzkohle vollständig durch Koks und setzt Ferdinand Steinbeis als Direktor ein, der die betriebliche Fürsorge begründet: Berufsausbildung, Wohnungsbau, Invalidenkasse, Werksarzt.

  4. 1848

    Der erste Zusammenbruch

    Karl Friedrich Stumm, Hugos Vater, haftet in der Wirtschaftskrise mit seinem Privatvermögen für kreditfinanzierte Investitionen und nimmt sich das Leben. Das Unternehmen ist zu diesem Zeitpunkt rund 3,2 Millionen Mark wert.

  5. 1858

    Der König

    Carl Ferdinand Stumm übernimmt mit 22 Jahren die Leitung und baut das Unternehmen bis zu seinem Tod 1901 vorsichtig, aber stetig aus. Kern sind das Neunkircher Eisenwerk und Mehrheitsbeteiligungen an der Dillinger und der Halberger Hütte. Investiert wird aus Gewinnen, Fremdkapital wird gemieden.

  6. ab 1880

    Panzerplatten und Saarabien

    Die Panzerplattenproduktion in Dillingen wird zur Grundlage der Flottenrüstung. Einziger Wettbewerber ist Krupp, beide sprechen Preise ab. Im eigenen Betrieb gilt ein autoritärer Herr-im-Hause-Standpunkt, der gewerkschaftliches Engagement verbietet und bis zur Heiratserlaubnis in das Leben der Arbeiter eingreift. Zeitgenossen sprechen vom Königreich Stumm und von Saarabien.

  7. 1888

    Drei Freiherren, drei Schlösser

    Die Brüder werden in den preußischen Freiherrnstand erhoben und lassen im Stil des Historismus bauen: Carl Ferdinand Schloss Halberg, Ferdinand Eduard Schloss Rauischholzhausen, Hugo Schloss Ramholz.

  8. 1891-1898

    Ückingen

    Neue Hochofenanlage im lothringischen Ückingen. Die Jahresproduktion erreicht 278.000 Tonnen, Stumm zählt zu den größten integrierten Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie des Reiches. Ab 1900 kommen Zechen in Westfalen hinzu, vor allem Minister Achenbach bei Brambauer.

  9. 1903

    Die GmbH

    Carl Ferdinand stirbt 1901 ohne männlichen Erben, die Kommanditgesellschaft ist nicht fortzuführen. Zum 31. März 1903 wird eine GmbH daraus. Ihr Wert liegt 1903 bei rund 21, 1914 bei rund 56 Millionen Mark; das Familienvermögen wird 1913 auf 170 Millionen Mark geschätzt.

  10. 1918-1926

    Verluste im Westen

    Die lothringischen Besitzungen werden versteigert, die Erlöse gehen auf das Reparationskonto, entschädigt wird erst 1922 in entwertetem Geld. Frankreich erzwingt eine Mehrheit von 60 Prozent am Neunkircher Eisenwerk; 1926 kauft eine Gruppe um Deutsche Bank und Otto Wolff zwei Drittel davon zurück. Der Schwerpunkt wandert ins Ruhrgebiet, in Düsseldorf entsteht 1922 bis 1924 das Stummhaus von Paul Bonatz.

  11. 1939-1945

    Zwangsarbeit

    In Neunkirchen wird ab 1940 kriegswichtiger Edelstahl hergestellt. In den Betrieben der Gebrüder Stumm, vor allem im Neunkircher Eisenwerk und in den Ruhrzechen, müssen Tausende Zwangsarbeit leisten: Kriegsgefangene, Zivilarbeiter aus den besetzten Ländern und italienische Militärinternierte.

  12. 1945-1956

    Zwangsverwaltung an der Saar

    Das Saarland steht unter französischer Kontrolle, die Saarbetriebe und der Hauptsitz unter französischer Zwangsverwaltung. Das Vermögen im Bundesgebiet verwaltet die Niederlassung Essen. Der Konzern diversifiziert in Metallverarbeitung, Handel und Binnenschifffahrt.

  13. 1965

    Zweihundertfünfzig Jahre

    Rund 25.000 Mitarbeiter. Die Familie hält 86 Prozent des Stammkapitals von 96 Millionen D-Mark. Größter Einzelanteilseigner innerhalb der Familie ist Knut von Kühlmann-Stumm mit 10 Prozent.

  14. 1968-1969

    Der Umbau

    Leonhard Lutz wird Generaldirektor. Der Bergwerksbesitz geht Ende 1969 in die Ruhrkohle AG, im November 1969 fällt der Beschluss zur Umwandlung in die Stumm AG. Im Aufsichtsrat sitzen neben Knut von Kühlmann-Stumm unter anderen Walter Hallstein und Otto Wolff von Amerongen; Ehrenvorsitzender ist Hermann Josef Abs.

  15. 1969-1973

    Streit in der Familie

    Die Familie ist uneins, ob Anteile an Fremde verkauft werden dürfen, und darüber, wer ihre Interessen gegenüber dem Management vertritt. Der Verkauf des Neunkircher Eisenwerks, für das sich unter anderen Thyssen interessiert, stockt. Die Dividende liegt 1968 bei 4, von 1969 bis 1971 bei 8, 1972 bei 5 Prozent und fällt 1973 aus.

  16. 1973

    Die Ölspekulation

    Die Stumm Handel GmbH verspekuliert sich in der Ölkrise mit Rohöl. Die Zahlungsunfähigkeit wird zunächst verschleiert.

  17. Sept. 1974

    Der Wechsel

    Am 3. September scheidet Knut von Kühlmann-Stumm nach vielen Jahren aus dem Aufsichtsrat aus. Sein Nachfolger als Familienvertreter hatte eine robustere Vertretung der Familieninteressen versprochen. Im Oktober entlässt der neu besetzte Aufsichtsrat Lutz.

  18. 25.10.1974

    Der Vergleich

    Stumm Handel GmbH, Stumm AG und Deutsche Gerätebau GmbH beantragen Vergleich. Noch handlungsfähige Gesellschaften werden verkauft, darunter die Bayerische Pflugfabrik in Landsberg, in deren Aufsichtsrat Knut von Kühlmann-Stumm gesessen hatte.

  19. 1975-1980

    Das Nachspiel

    Lutz stirbt am 5. Dezember 1975 kurz nach seiner Einlieferung in die Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim durch Suizid. Vom 29. Oktober 1976 bis zum 11. Juli 1980 verhandelt das Landgericht Essen gegen fünf frühere Manager wegen Bankrotts, Betrugs, Untreue und Verletzung der Buchführungspflicht. Alle werden zu Freiheitsstrafen verurteilt, zusammen mehr als 34 Jahre.

  20. 1977-1987

    Das Ende des Namens

    Die Hamburger Marquard & Bahls übernimmt 1977 alle Aktien der Stumm AG; die Gläubiger verzichten auf Teile ihrer Forderungen. Die Stumm GmbH dient als Holding und heißt ab Januar 1987 Marquard & Bahls GmbH. Das Neunkircher Eisenwerk geht 1982 in der Stahlkrise in der Saarstahl AG auf.

„Des Königs müde Erben“

Titel in der Zeit, Nr. 45/1974, und der Monographie von Maximilian Thiel, 2024

Ramholz

Was das für Ramholz bedeutete

Die Grundlage

Ramholz war ein Haus, das von außen getragen wurde. Die Erträge aus Forst und Pacht deckten nach allem, was überliefert ist, den Gutsbetrieb, nicht den Unterhalt und die Investitionen eines Schlosses dieser Größe. Das Geld dafür kam aus den Anteilen am Konzern.

Der größte Anteilseigner

Knut von Kühlmann-Stumm hielt 1965 mit 10 Prozent den größten Einzelanteil innerhalb der Familie und vertrat sie über viele Jahre im Aufsichtsrat. Er schied am 3. September 1974 aus, sieben Wochen vor dem Vergleichsantrag.

Der Verlust

Sein Sohn Magnus bezifferte 1979, der Zusammenbruch habe den Vater und die Kinder rund 20 Millionen Mark gekostet. Die Größenordnung ist plausibel: 10 Prozent eines Stammkapitals von 96 Millionen D-Mark sind nominell 9,6 Millionen, der tatsächliche Wert eines Anteils an einem Konzern mit 25.000 Beschäftigten lag darüber. Die genaue Zahl ist nicht belegt.

Die lange Folge

Nach 1974 musste Ramholz sich selbst tragen. Die Linie führt vom Vergleichsantrag über die Teilverkäufe ab 2000 und die Zwangsverwaltung 2012 bis zum Verkauf 2014. Knut von Kühlmann-Stumm starb gut zwei Jahre nach dem Zusammenbruch.

Walter Hallstein, zweimal

Derselbe Walter Hallstein, der im Oktober 1948 zu den Europäern der ersten Stunde in Schlüchtern gehörte, saß zwei Jahrzehnte später im Aufsichtsrat der Stumm AG, neben dem Mann, in dessen Haus der Empfang zur Gründung der Europäischen Akademie stattgefunden haben soll.

Offene Punkte zum Konzern

  • Rechtsform: Der Umwandlungsbeschluss zur Aktiengesellschaft fiel im November 1969; manche Darstellungen datieren die Stumm AG auf 1970.
  • Vergleich oder Konkurs: Belegt ist der Vergleichsantrag vom 25. Oktober 1974. Die Neue Deutsche Biographie und der Verlag der Monographie sprechen von Konkurs. Ob ein Anschlusskonkurs folgte, ist ungeklärt.
  • Größe beim Zusammenbruch: rund 14.000 Beschäftigte, 1,7 Milliarden D-Mark Umsatz, mehr als 240 Millionen Verlust und 300 Millionen Schulden nach der einen Angabe; mehr als 25.000 Beschäftigte und 3 Milliarden Umsatz nach der anderen.
  • Die Verluste der Ramholzer Linie sind nur durch die Aussage von Magnus von Kühlmann 1979 belegt.

Literatur und Quellen zum Konzern

  • Maximilian Thiel„Des Königs müde Erben“. Zur Krise des Stumm-Konzerns 1965-1974. Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 137. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2024, ISBN 978-3-515-13721-8. Die maßgebliche Darstellung des Zusammenbruchs.
  • Thomas UrbanDie Krisenfestigkeit der Unternehmerfamilie. Haniel, Stumm und der doppelte Strukturwandel. In: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 63 (2018), H. 2, S. 185-219.
  • Ralf BankenStumm. In: Neue Deutsche Biographie, Bd. 25, Berlin 2013, S. 643.
  • Die ZeitDes Königs müde Erben. Nr. 45/1974. Dazu Horst Kerlikowsky: Das Geschäft, das aus der Pleite kam. Die Zeit, 22. Juli 1977.
  • Gebrüder Stumm GmbH (Hrsg.)250 Jahre Gebrüder Stumm GmbH. Brambauer 1965.
  • Alexander TilleHundert Jahre Neunkircher Eisenwerk unter der Firma Gebrüder Stumm. Saarbrücken 1906. Digitalisat der Saarländischen Universitäts- und Landesbibliothek.
  • BundesarchivR 8135, Deutsche Revisions- und Treuhand AG, Prüfungsberichte zur Neunkircher Eisenwerk AG vormals Gebrüder Stumm, zwei Bände.